Hier sind unsere Geschichten!

Viele Frauen und die Arbeit, die sie leisten, sind unsichtbar. Das muss sich ändern. Deswegen erzählen hier verschiedene Frauen von den Schwierigkeiten aus ihrem Arbeitsalltag.

Die Geschichte von Cátia.

Die Geschichte von Snezana D.

Ein Klima der Angst

Eine Angestellte aus einem Industrie-Konzern gibt einen Einblick in ihren Arbeitsplatz, wo Angst und Stress herrschen.

Ich arbeite seit 12 Jahren beim Medizintechnik-Hersteller Zimmer Biomet in Winterthur. Dort bin ich in der Qualitätskontrolle für die Schlussprüfung zuständig. Das heisst, ich kontrolliere jede Schraube, jede Kugel... Es muss alles perfekt sein. Wenn ein Teil fehlerhaft ist, dann hat am Schluss der Patient ein Problem. Deswegen will ich meine Arbeit gut machen, die Gesundheit der PatientInnen liegt uns am Herzen.

Ich habe immer versucht, meine Arbeit gut zu machen. Ich habe sie gerne gemacht.

Schnelligkeit vor Präzision

Aber seit einiger Zeit haben wir einen neuen Chef. Leider hat er inhaltlich wenig Ahnung. Er entscheidet über Abläufe, die ich seit Jahren ausführe, von denen er aber nichts versteht. Er ist nicht bereit, von der Erfahrung langjähriger Mitarbeiter*innen zu profitieren; er will einfach Recht haben und zwar immer. Alles muss „optimiert” werden, schneller gehen – aber dann passieren doch Fehler! Bei unserer Arbeit geht es nicht nur um Schnelligkeit, es geht um Präzision. Sonst leidet am Ende der Patient!

Die Solidarität wird zerstört

Weil der Chef selbst unsicher ist, misstraut er uns Angestellten. Immer wieder platziert er subtile Drohungen, er lässt einzelne von uns zu sich kommen, damit sie ihm rapportieren, was die anderen so über ihn reden. Er hat überall seine Augen und Ohren, ich würd fast schon sagen, seine Spione. Wir fühlen uns konstant beobachtet. Wenn du dich mit einer Arbeitskollegin austauschst über die Probleme am Arbeitsplatz und sie dich dann sogar noch bekräftigt, darüber zu reden, wirst du plötzlich sehr misstrauisch: Macht sie das jetzt, weil der Chef das so will? Erzählt sie ihm nachher alles?

Also schweigen wir lieber. Es gibt einem ein richtiges Gefühl von Machtlosigkeit, wenn man merkt, dass man mit niemandem mehr sprechen kann.

So spielt der Chef uns gegeneinander aus, er macht unser Team und die Solidarität untereinander völlig kaputt. Und er sät ein Klima der Angst. Die Leute haben sogar Angst, krank zu werden. Sie wissen, wenn sie krank sind, werden sie sich rechtfertigen müssen.

Verschiedene Kolleg*innen haben Mühe mit diesem Führungsstil, aber an den Meetings traut sich dann doch niemand, etwas zu sagen. Sie fürchten um ihren Job, klar, jede hat ihre Gründe. Die einen sind ganz kurz vor der Rente, die anderen sind Alleinverdienerinnen...

Dieser Stress, dieser Druck, belastete mich sehr. Ich nahm das auch mit nach Hause. Am Abend im Bett fragte ich mich: „Hab ich das nun richtig gemacht? Hab ich daran gedacht...?” Es ging mir nicht gut und manchmal dachte ich: «Ich setze meine Gesundheit für die Gesundheit der Patienten aufs Spiel.»

Trotzdem wollte ich weiterarbeiten. Deshalb hat es mich auch gefreut, als mit den Chef in einem Mitarbeiterinnen-Gespräch sagte, wie wichtig wir von der Qualitätskontrolle sind und wie es uns alle unbedingt braucht.

Der Schock

Deswegen war für mich auch ein absoluter Schock, was dann kam: Wie aus dem Nichts wurde ich vor einigen Wochen vom Chef von meinem Arbeitsplatz weggerufen in ein Büro im anderen Gebäude. Ich war vorher noch nie dort, hatte keine Ahnung, was mich erwartet. Plötzlich betrat die Personalchefin den Raum – ich hatte ein ungutes Gefühl. Sie sagte mir, dass ich sehr gute Leistungen erbringe. Aber dass sie leider eine Reorganisation vornehmen müssen. Und mir deshalb kündigen.

Ich war geschockt. Diese Kündigung kam für mich so unerwartet, auch so unbegründet. Kurz zuvor hatte man mir noch gesagt, wie sehr es uns alle braucht! Und dann das...

Was für mich besonders schlimm ist: Dass man mich einfach so loswerden will, obwohl ich 12 Jahre im Betrieb gearbeitet habe und meine Arbeit gut und gerne machte. Die Arbeit ist seit meiner Kündigung auch nicht weniger geworden und Mitarbeiterinnen aus anderen Abteilungen müssen oft einspringen, ohne richtig eingelernt zu werden. Ich habe den Eindruck, der neue Chef hat mich gar nie richtig kennengelernt und gesehen, was ich alles geleistet habe. Diese fehlende Wertschätzung ist doch respektlos. Und tut weh.

Die Geschichte von Neria Heil

Pflegeberufe – Vom Praktikum zum bitteren Ende

Ein Erfahrungsbericht, der symptomatisch für ein ganzes Branchenproblem in den Pflegeberufen steht.

Im Alter von 15 Jahren entschloss ich mich für eine Ausbildung als Fachfrau Betreuung im Bereich Behinderte. Die Aussicht, mit Menschen zu arbeiten und in den Sozial- und Pflegebereich einzusteigen, erfüllten mich mit Freude und Sinnhaftigkeit.

Das erforderliche Praktikum

Die erste Hürde für ein Praktikum war, dass viele Praktika erst ab 18 Jahren ausgeschrieben waren. Ich hatte Glück und fand eine Stelle in einer IV-Einrichtung mit drei weiteren Praktikant*innen. Lehrstellen bot die Einrichtung jedoch nur zwei an. Die Geschichte einer Oberstiftin, die drei Jahre Praktika machte, bevor sie einen Ausbildungsplatz fand, beunruhigte mich zwar. Trotzdem fing ich mit Freude an und verliebte mich in die Arbeit. Von Montag bis Freitag und teils am Wochenende pflegte und betreute ich ältere Menschen mit geistiger und mehrfacher Beeinträchtigung. Die körperlich und emotional sehr anstrengend körperlich Arbeit wurde erschwert durch Personalmangel, teaminterne Konflikte und den Todesfällen der Klienten, die im Verlauf meiner Arbeit starben. Ich wurde ungenügend begleitet mit diesen schwierigen Erfahrungen.

„Als gute Hausfrau muss man das können“

Mir wurde schnell vermittelt, dass ich lernen müsse, ob ich für diese Arbeit gemacht sei. Wenn ja, dann könne ich das alles und sonst könne ich es auch nicht lernen. Die vermeintliche Grundvoraussetzung habe ich ja schon mitgebracht; ich war eine Frau. Somit kannst du putzen, pflegen, betreuen und das auf eine liebevolle, geduldige Art. Natürlich ohne dass ich das je gelernt hätte. Das verunsicherte mich. Da mich die Arbeit erfüllte, würde das schon werden, dachte ich. Nach dem Praktikum habe ich die Lehrstelle im selben Betrieb erhalten. Andere weibliche Anwärter*innen mussten teilsweise mehrere Praktika absolvieren um dann eine dreijährige Lehre zu beginnen, während männliche Anwärter teils via Zivildienst hineinschlitterten und angepasste Ausbildungsangebote, wie zweijährige Lehre und Sozialpädagoge mit höheren Löhnen bekamen. Die Freude über die eigene Anstellung war zu gross, um Ungerechtigkeiten zu sehen, geschweige denn, diese zu thematisieren.

Die Lehre – eine Enttäuschung

Die Lehre brachte zwei grosse Veränderungen mit sich: Schichtzeiten und mehr Wochenendarbeit und ich kam in eine Klasse mit zwanzig auszubildenden Fachperson Betreuung, davon 19 Frauen*. Es zeigte sich, dass meine Erfahrung bis anhin kein Einzelfall war. Dienstpläne, in denen 7-Tage-Wochen normal, 9-Tage-Wochen keine Ausnahme und bis zu 15-Tage-Wochen möglich waren. Jegliches Zeichen von Schwäche, Überforderung, Krankheit und Ähnlichem wurde abgetan mit dem Hinweis, dass ich ja vorher gewusst hätte, worauf ich mich einlasse. Ich fühlte mich schwach und unfähig. Meine Lehrlingsbegleitung verliess aufgrund eines Burnouts den Betrieb, dies wurde ebenfalls auf ihre eigene Unfähigkeit geschoben. Jedes Problem war ein individuelles Problem, ein Fehler im Ich, niemals im System.

Permanente Verunsicherung

Das Arbeitsklima war geprägt von Angst, Verunsicherung, Überarbeitung und Misstrauen. Das führte zu den Konflikten, welche keinesfalls auf dieses Team oder diesen Betrieb beschränkt waren. Davon berichteten auch meine Mitlernenden in der inzwischen vollumfänglich weiblichen Lehrklasse. Probleme wurden immer auf der individuellen Ebene diskutiert, nie strukturell. Diese Haltung, die gelebt und an mich weitergegeben wurde, hatte Auswirkungen auf das Gefüge, die Angestellten und leider auch die Klienten. Das tat mir weh und tut es heute noch. Die körperlichen und emotionale Belastungen führten in der Folge zu Krankheiten in den Teams, Zuhause bleiben hiess jedoch, die Arbeit an jemand anderen weiterzuschieben und so die Belastung für andere zu erhöhen. So entstand ein Teufelskreis, der sich nicht mehr durchbrechen liess.

Das „Problem“ Frau in der Pflege

Die Probleme in der Pflege sind vielfältig und zum Teil eine Frage des Geschlechts. Wenn wir das nicht anerkennen, kommen wir keinen Schritt weiter. Bei Fehlern oder Unwissen in der Ausbildung wurde meine potentielle Fähigkeit als Mutter und Hausfrau in Frage gestellt. Ich war zwischen 16 und 22 Jahre alt, ich wusste weder ob ich Mutter werden will oder habe je einen Haushalt geführt. Mir wurde suggeriert, dass ich in meiner geschlechtlichen Rolle versage. Eine Erfahrung, welche meine männlichen Berufskollegen in dieser Form nicht machen mussten.

Ich bin eine selbstbewusste Person und kann auch wütend werden. Ich wurde nicht wütend, ich wurde verunsichert und irritiert, stellte mich selbst in Frage. Nie wäre ich auf den Gedanken gekommen, dass ich mich dagegen wehren könnte. Wenn meine fehlende Weiblichkeit das Problem ist, kann ich nur selbst das Problem sein. Es brauchte Jahre, um mich von diesem Bild zu lösen. Wir dürfen der nächsten Generation von jungen Frauen in der Pflege und Betreuung keinesfalls dieselben Bilder mitgeben, wir sollen sie bekämpfen.

Ich für mich habe einen Ausweg gefunden und mich dazu entschieden, die Pflege zu verlassen. Wenn ich mich heute mit meinen ehemaligen Mitschülerinnen austausche, sehe ich, dass diese Muster nach wie vor vorhanden sind und sich beinahe überall in einer Form antreffen lassen, weshalb ich auch heute noch zu meiner Entscheidung stehe.

Neria Heil